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Aufwachsen mit Sport

Ausgewählte Befunde der zehnjährigen Paderborner Längsschnittstudie von der Kindheit in die Adoleszenz.

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Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider

Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider lehrte und forschte bis zur Beendigung seiner Dienstzeit im Jahr 2008 als Professor für Sportwissenschaft an der Universität Paderborn im Department Sport und Gesundheit. Der heute 74-Jährige leitete den Arbeitsbereich Sport und Erziehung. Zuvor war er Professor an der Sporthochschule Köln, an der Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin. Sein wissenschaftliches Interesse gilt vor allem der Sportkultur Jugendlicher in all ihren Facetten – vom Sport in der Schule über den Vereinssport bis hin zum Leistungssport – und ihrer Wirkung auf die Entwicklung von Heranwachsenden.


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Prof. Dr. Erin Gerlach

Prof. Dr. Erin Gerlach studierte Sportwissenschaft und Chemie sowie Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin. Von 2000 bis 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Sport und Erziehung am Department Sport und Gesundheit der Universität Paderborn. Anschließend wirkte der heute 47-Jährige zwei Jahre lang als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Bern. Von 2009 bis 2013 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sport und Sportwissenschaften an der Universität Basel tätig. Seit 2013 ist Gerlach Leiter des Arbeitsbereichs Sportdidaktik mit dem Schwerpunkt „Empirische Unterrichts- und Bildungsforschung“ an der Universität Potsdam. Seine wissenschaftlichen Interessen liegen im Bereich der sportbezogenen Kinder- und Jugendforschung sowie in der empirischen Bildungsforschung in der Sportwissenschaft.

1 Heranwachsende heute und ihr Sport

Sport treiben in organisierter oder informeller Form zählt für die überwiegende Mehrheit der heutigen Kinder und Jugendlichen zu den zentralen Freizeitaktivitäten. Für etwa zwei Drittel der heranwachsenden Kinder und nahezu die Hälfte der Jugendlichen ist der Sport im Verein attraktiver Wegbegleiter in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung. Insofern kann es nicht verwundern, dass der vereinsorganisierte Sport gern als Helfer, sogar als Motor jugendlicher Entwicklung gesehen und gefeiert wird.

Vor allem für Sportfunktionäre und auch Sportpolitiker gibt es kaum eine Grenze hinsichtlich der Vielzahl und Vielfalt der Effekte, die insbesondere dem Sport der Heranwachsenden zugeschrieben werden. Sport wird nicht nur als bedeutsames Kulturgut und sinnvolle Freizeitbeschäftigung herausgestellt, sondern auch als Instrument, Begabungen von Kindern zu fördern, Persönlichkeit und Gesundheit zu stärken, soziale Netzwerke zu knüpfen und soziale Integration zu bewirken.

Darüber hinaus wird er als Schutzimpfung gegen Gewalt, deviantes Verhalten, Rechtsradikalität sowie Sucht und Drogen empfohlen. Unterstellt wird, dass sich diese Wirkungen – quasi automatisch – durch das Sporttreiben im Verein einstellen. Nicht zuletzt das gebetsmühlenartige Wiederholen solcher Wirkungserwartungen hat das öffentliche Bild vom Sportverein als einem gesellschaftlichen Reparaturbetrieb und Entwicklungsmotor wesentlich mitgeprägt. Dass viele der formulierten Wirkungshoffnungen und Transfererwartungen durch die wenigen bisher vorliegenden wissenschaftlichen Befunde keineswegs gestützt, sondern eher skeptisch beurteilt werden (Brettschneider & Kleine, 2002; Sygusch, 2005; Burrmann, 2008; Mutz, 2012; siehe auch die Deutschen Kinder- und Jugendsportberichte 2003, 2008, 2015), wird weitgehend ignoriert.

Auf relativ dünnem Eis argumentieren aber auch die Skeptiker überzogener Wirkungserwartungen – und zwar deshalb, weil kaum Untersuchungen vorliegen, die kausale Zusammenhänge zwischen sportlicher Aktivität und Entwicklung im Heranwachsendenalter aufzudecken vermögen, das heißt zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden können.

Fundierte Aussagen zur Frage, ob und in welchem Maße sportliches Engagement die personale und soziale Entwicklung von Heranwachsenden beeinflussen kann, sind prospektiven Längsschnittstudien vorbehalten, also empirischen Untersuchungen, die ihren Ausgangspunkt möglichst schon in der Kindheit nehmen und die Probanden über einen längeren Zeitraum bis in die Jugendphase begleiten. Über eine solche, hinsichtlich Anlage- und Auswertungsstrategie in Deutschland einmalige Studie wird im Folgenden auszugsweise berichtet (Gerlach & Brettschneider, 2013).

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2 Zur Anlage der Paderborner Längsschnittstudie

2.1 Theoretische Markierungen, Fragestellungen, Design und Auswertungsstrategie der Studie

Theoretische Markierungen

In der sozialwissenschaftlichen wie auch in der sportwissenschaftlichen Kinder- und Jugendforschungw haben sich sozialisationstheoretische Konzeptionen als Rahmentheorien bewährt (Baur, 1989; Brettschneider & Kleine, 2002; Brinkhoff, 1996; Burrmann, 2008; Gerlach, 2008; Hurrelmann, Grundmann & Walper, 2008; Mutz, 2012). Dabei gelten die folgenden Kernannahmen als Orientierungsleitlinien:

Über den gesamten Lebenslauf sind von Individuen phasenspezifische Entwicklungsaufgaben zu lösen. Diese Entwicklungsthemen sind vor allem durch Reifungsprozesse (zum Beispiel Pubertät) oder durch gesellschaftliche Anforderungen (zum Beispiel Übergänge in der Bildungskarriere) vorgegeben.

Entwicklung findet als handlungsvermittelte Dialektik von Person und Umwelt statt (Baur, 1989; Hurrelmann, 1983). Dabei gelten die Jugendlichen als aktive Gestalter ihrer eigenen Entwicklung.

Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben hängt nicht zuletzt von der Quantität und Qualität der sozialen und personalen Ressourcen ab, die einer Person zur Verfügung stehen.

Unbewältigte Entwicklungsaufgaben führen bei Heranwachsenden in der Regel zu Stress und Anpassungsdruck.

Fragestellungen

Vor dem Hintergrund dieser Kernannahmen gilt es, zwei Fragestellungen nachzugehen. Zum einen sind Entstehung und Gestaltung der sportlichen Laufbahn einschließlich ihrer Determinanten zu untersuchen. Zum anderen wird nach den Auswirkungen der Sportkarrieren im Verein auf die Entwicklung von Jungen und Mädchen zwischen Kindheit und Adoleszenz gefragt, also ob und wie sich das Sportengagement auf die körperliche und psychosoziale Verfassung der Heranwachsenden auswirkt, ob entwicklungsfördernde Ressourcen mobilisiert und entwicklungshemmende Risikofaktoren vermindert oder gar verhindert werden. Das organisierte Sporttreiben wird detailliert unter die Lupe genommen, wobei das Muster und der Verlauf individueller Vereinskarrieren als Differenzierungskriterium fungieren. Ein weiteres Augenmerk richtet sich auf die Frage, ob und wie sich bestimmte relevante Lebensereignisse wie etwa Schulwechsel auf Entwicklungsverläufe auswirken.

Design und Auswertungsstrategie

Unterstützt von verschiedenen Förderern (Stiftung der Sparkasse Paderborn, Universität Paderborn, Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Sportministerium des Landes NRW) wurde die Studie im Jahr 2001 gestartet (siehe dazu Brettschneider & Gerlach, 2004; Bünemann, 2008; Gerlach, 2008) und mit der fünften und letzten Erhebungswelle Ende 2011 abgeschlossen (Gerlach & Brettschneider, 2013). In Abständen von etwa 15 bis 24 Monaten wurden die Heranwachsenden per Fragebogen befragt. Insgesamt liegen Daten von 1637 Heranwachsenden vor, deren Entwicklung über zehn Jahre verfolgt werden kann. Damit konnte die Entwicklung von Heranwachsenden vom dritten Schuljahr bis zum Abitur beziehungsweise bis in den beruflichen Bildungsgang verfolgt werden.

Längsschnittliche Stichproben leiden unter Mortalitätsverlust. Damit verbunden sind üblicherweise Probleme einer systematischen Stichprobenverzerrung. Diese lassen sich heutzutage mit innovativen und leistungsstarken Auswertungsstrategien lösen (Lüdtke & Robitzsch, 2010). Fehlende Werte im Datenpool werden dabei durch Hinzunahme relevanter Hintergrundvariablen zuverlässig geschätzt.

Die erhobenen Variablen sind in ihren teststatistischen Merkmalen an anderer Stelle ausführlich dokumentiert worden (Gerlach, 2008). Neben soziodemografischen Angaben und Indikatoren des Sportengagements wurden verschiedene soziale und personale Ressourcen aus den Bereichen Sport, Familie und Schule sowie Indikatoren der Persönlichkeits- und Gesundheitsentwicklung erhoben.

Die Analyse der unterschiedlichen Entwicklungsverläufe erfolgte mit traditionellen Varianzanalysen und mit Messwiederholung. Neben der statistischen Signifikanz wurden die bekannten Empfehlungen zu Effektgrößen (zum Beispiel Cohen, 1992) als vorsichtige Orientierung für die praktische Bedeutsamkeit der Befunde herangezogen.

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Abb. 1: Entwicklung des Organisationsgrades im Verein in Abhängigkeit von sozialen Determinanten (Angaben in Prozent; a: Gruppen der Paderborner Talentsichtung, b: Schulkarriere in der Sekundarstufe I, c: Schulkarriere in der Sekundarstufe II, d: sozioökonomischer Status, e: Ethnizität)

Insgesamt liegen Daten von 1637 Heranwachsenden vor, deren Entwicklung über zehn Jahre verfolgt werden kann.

3 Aufwachsen mit Sport – einige Ergebnisse

Im Rahmen des vorliegenden Beitrags ist es nicht möglich, die Vielzahl an Untersuchungsvariablen und die differenzierten Analysen darzustellen. Exemplarisch werden daher einige Befunde herausgegriffen, die repräsentativ für die jeweiligen Perspektiven „Sozialisierung zum Sport“ und „Sozialisierung durch Sport“ stehen.

3.1 Sozialisierung zum Sport

In der Perspektive „Sozialisierung zum Sport“ sollen zunächst einige Daten zur sportlichen Laufbahn im Verein berichtet werden, um anschließend die Abhängigkeit der Vereinsmitgliedschaft von sozialen Determinanten zu analysieren. Die Befunde zum Organisationsgrad der Heranwachsenden im Sportverein bestätigen die hinlänglich bekannten wie eindrucksvollen Ergebnisse. Etwa zwei Drittel der Kinder und ungefähr die Hälfte der Jugendlichen sind Vereinsmitglieder. Dabei kommt es im Altersverlauf zu einem Rückgang der Mitgliedschaft. Folgende Muster der Vereinskarriere lassen sich im Verlauf des Aufwachsens von der Kindheit in die Adoleszenz unterscheiden:

  1. Immer-Mitglieder (15,5 Prozent)
  2. Nie-Mitglieder (19,8 Prozent)
  3. Einsteiger (dauerhafte Einsteiger in den Sportverein; 10,5 Prozent)
  4. Aussteiger (dauerhafte Aussteiger aus dem Sportverein; 22,4 Prozent)
  5. Fluktuierer (Wechsler im Mitgliedschaftsstatus; 31,9 Prozent)
  6. Stabile Vereinskarrieren sind damit eher selten anzutreffen; dagegen sind Vereins- und Sportartenwechsel an der Tagesordnung.

In Abbildung 1 ist die Mitgliedschaft in Abhängigkeit vom Talentstatus (a), von der Bildungskarriere in der Sekundarstufe I (b) und in der Sekundarstufe II (c) sowie vom sozioökonomischen Status (d) und vom Migrationsstatus dargestellt. Mit höherem Talent, höherem Bildungsgang und besseren sozioökonomischen Voraussetzungen fanden sich mehr Heranwachsende im Sportverein wieder. Zudem waren einheimische Jugendliche stärker vertreten.

3.2 Sozialisierung im und durch Sport

So viel zur Vereinskarriere der Heranwachsenden. Nun aber zu den spannenderen Fragen nach den Effekten der Sportvereinsmitgliedschaft auf verschiedene Entwicklungsdimensionen. In der Perspektive „Sozialisierung im und durch Sport“ sollen in der Folge ausgewählte Befunde zum Gesundheitsstatus sowie zu den verfügbaren Ressourcen zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in Abhängigkeit vom Sportengagement dargestellt werden.

Beginnen wir mit der Frage nach der Rolle der Sportvereine für die Entwicklung physischer Gesundheit, aufgezeigt am Beispiel Übergewicht und Adipositas, einem Krankheitsbild, das bei immer mehr Kindern zum Pro­blem wird – nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Folgeerkrankungen. Der zugrunde liegende Parameter ist der Body-Mass-Index (BMI). Das Ergebnis ist ebenso erwartungsgemäß wie trivial: Die als sportliches Talent eingestuften Kinder sind und bleiben im Verlauf des beobachteten Zeitraums im Normbereich. Auch für die Heranwachsenden der Vergleichsgruppe, also der eher breitensportlich engagierten Jungen und Mädchen, ist Übergewicht mehrheitlich kein Problem. Dahingegen weisen diejenigen, die im dritten Schuljahr als des Kompensationssports bedürftig eingestuft wurden, in der achten Klasse ein erhebliches Übergewichtsproblem auf. Dabei zeigt die Parallelität der Entwicklungsverläufe eindeutig, dass dem Sportverein nur ein kleiner Effekt auf die Entwicklung des BMI zugeschrieben werden kann (vgl. Abb. 2b und 2d).

Nun zu ausgewählten Aspekten psychischer Gesundheit: Eine Analyse der psychosomatischen Beschwerdebilder wie etwa Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit einerseits und Lebensfreude andererseits zeigt, dass sportlich Aktive stressresistenter als ihre Altersgenossen sind – und zwar schon zu Beginn ihrer Sportvereinskarriere. Diese Differenz bleibt im gesamten Entwicklungsverlauf stabil. Es kann also gefolgert werden, dass der Sport in seinen verschiedenen Facetten einen idealen Raum für ein unbeschwertes Aufwachsen darstellt; als Mittel, um psychische Gesundheit nachhaltig zu fördern, kann er dagegen nicht interpretiert werden.

In die entgegengesetzte Richtung weisen dagegen die ermittelten Daten zum Alkoholkonsum. Offensichtlich ist er auch schon im Jugendbereich Bestandteil der Vereinskultur. Zum einen trinken Sportler mehr als Vereinsabstinente. Zum anderen lässt sich durch die längsschnittlich erfassten Daten belegen, dass die Konsumrate nach Vereinseintritt ansteigt, während sie nach dem Verlassen des Sportvereins wieder sinkt. Ob man daraus nun den (übertriebenen) Schluss zieht, dass der Sportverein ein Feuchtbiotop mit erheblichem Gefährdungspotenzial ist oder aber (verharmlosend) den Sportverein als Ort für Initiationsriten einstuft, die kommen und gehen, hängt von der Bewertung des Alkoholkonsums und seines Stellenwerts im jugendlichen Entwicklungsprozess ab.

Der Prozess des Aufwachsens ist begleitet von chronischen Belastungen. Deshalb ist es hilfreich, auf Ressourcen zurückgreifen zu können, die helfen, die im Entwicklungsverlauf auftretenden Belastungen und Risiken zu mindern. Zwei Beispiele aus dem Belastungsbewältigungsprozess sollen genannt werden – eines aus dem Bereich der personalen und eines aus dem Bereich der sozialen Ressourcen. Die wohl mächtigste personale Ressource im Verlauf der jugendlichen Entwicklung sind das Selbstwertgefühl und das Selbstkonzept, weil es nicht nur die Wahrnehmung der Betroffenen steuert, sondern auch ihr Verhalten wesentlich mitbestimmt. Die Analyse zeigt, dass sportlich aktive junge Menschen selbstbewusster als ihre Konterparts auftreten; diejenigen, die dem Sport treu bleiben, weisen die am stärksten ausgeprägten, die Sportdistanzierten die niedrigsten Selbstbilder auf, wobei die Unterschiede zwischen beiden Gruppen im Entwicklungsverlauf abnehmen (vgl. Abb. 2a und 2c).

Als Beispiel für die Wirksamkeit der sozialen Ressourcen wird die Sportgruppe gewählt. Sie zeigt sich auf drei miteinander zusammenhängenden Ebenen: Ob als sportliches Talent oder Teilnehmer beim Kompensationssport, ob als Dauermitglied, Wechsler oder Einsteiger – hinsichtlich sozialer Integration profitieren alle Gruppen von der Zugehörigkeit zu ihrer Sportgruppe. Der nächste Punkt zielt auf die Bedeutung sozialer Anerkennung. Interessanterweise ist der persönliche Gewinn bei den Heranwachsenden am größten, die trotz begrenzter motorischer Begabung dauerhaft im Verein bleiben. Der Verein ist folglich als Ort zu sehen, an dem soziale Anerkennung erfahren werden kann.

Der wichtigste Effekt dieser Ressource ist aber auf der Ebene sozialer Unterstützung zu finden. Bei besonderen Ereignissen wie etwa beim Schulwechsel verlieren Lehrer, Klassenkameraden und selbst Eltern ihre ansonsten im Alltag spürbare Wirksamkeit als soziale Ressourcen. Auch das soziale Netz der Primärschulklasse bricht bei vielen weg. Wenn auch diese traditionellen Helfer nicht mehr als Stützsysteme fungieren können, bleibt nur noch die Sportgruppe, der es gelingt, individuelle Belastungen abzupuffern (siehe Abb. 2).

Zum Schluss noch ein Befund zur Wirksamkeit des Sportvereins als Plattform für bürgerschaftliches Engagement. Dass die Begeisterung zur Übernahme von Ehrenämtern auch im Sport rückläufig ist, belegen aktuelle Studien übereinstimmend deutlich. Das gilt auch für den Jugendbereich (vgl. Braun, 2013). Gleichwohl stimmen die für jugendliche Vereinssportler ermittelten Werte optimistisch. Fast die Hälfte aller Sportvereinsjugendlichen hat sich im Laufe ihrer Biografie – unabhängig von der Qualität der Vereinskarriere – ehrenamtlich im Sport engagiert. Dass dabei das Engagement der Dauermitglieder dominiert und in Richtung sportaffiner Tätigkeiten (zum Beispiel Übungsleiter und Trainer) tendiert, entspricht den Erwartungen. Überraschend ist dagegen der Befund, dass Jugendliche auch dann noch Funktionen im Vereinsleben übernehmen, nachdem sie dem aktiven Sport schon den Rücken gekehrt haben.

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Abb. 2: Entwicklung des Selbstwertgefühls (a und c) und BMI (b und d), differenziert nach Gruppen der Paderborner Talentsichtung und Vereinskarrieretyp (in Klammern hinter den Effekten stehen die Anteile aufge­klärter Varianz)

Fast die Hälfte aller Sportvereinsjugendlichen hat sich im Laufe ihrer Biografie ehrenamtlich im Sport engagiert.

4 Diskussion und Ausblick

Fassen wir die Ergebnisse zu einem Fazit zusammen, so lässt sich Folgendes festhalten: Der Sportverein ist ein Ort, der Chancen für einen positiven Entwicklungsverlauf bietet. Diese Feststellung gilt vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die mit günstigen Voraussetzungen in den Verein kommen.

Da die ursprünglich vorhandenen Differenzen zwischen Heranwachsenden, die dem Vereinssport zugetan sind, und denen, die sich von ihm distanzieren, im Entwicklungsverlauf bestehen bleiben oder sogar geringer werden, lässt sich ein systematischer kausaler Zusammenhang zwischen Sportvereinszugehörigkeit und positiver Entwicklung nur selten festmachen. Evidenzbasierte Wirkungsnachweise für das Sportengagement auf Entwicklungsaspekte sind begrenzt. Es scheint so zu sein, dass es zunächst Selektionseffekte sind, die den Prozess des Aufwachsens in seiner Richtung wirksam prägen. Damit ist die Basis gelegt, auf der Sportvereine dann möglicherweise sozialisierend auf die Persönlichkeitsentwicklung einwirken können.

Sieht man einmal von der Tatsache ab, dass die vorliegende Studie wegen ihres längsschnittlichen Designs Befunde liefert, für die in ihrer Differenziertheit, Kausalität und Aussagekraft bislang nichts Vergleichbares vorliegt, so weist die Richtung der gewonnenen empirischen Ergebnisse im Vergleich mit den Ergebnissen anderer Jugendstudien keine grundsätzlichen Auffälligkeiten auf. Bewertet man die empirischen Ergebnisse der Studie mit den theoretisch hergeleiteten Annahmen, so sind die Befunde durchaus als erwartungsgemäß einzustufen. Wenn also etwa Eltern oder Schule manchmal nicht in der Lage sind, die Entwicklung der Heranwachsenden in eine wünschenswerte Richtung zu lenken, ist kaum anzunehmen, dass dies dem Sportverein mit seiner begrenzten Kontaktzeit gelingen kann.

Das organisierte Sporttreiben im Verein genießt jedoch mit Recht die volle Anerkennung der Gesellschaft. Für die Mehrheit der Heranwachsenden stellt es eine attraktive Freizeitbeschäftigung dar, die dann am meisten Spaß bereitet, wenn sie gemeinsam mit Freunden ausgeübt wird. Dass Sport treiben bei entsprechender Inszenierung dazu beitragen kann, die für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben so wichtigen personalen und sozialen Ressourcen zu entwickeln und zu stärken, steht ebenfalls außer Frage. Auf diesen Kern sollten Aktivitäten und Zielvorstellungen der Sportvereine gerichtet sein. Überzogene Wirkungserwartungen und Transferhoffnungen helfen dem Sport nicht; eher schaden sie ihm.


Baur, J. (1989). Körper- und Bewegungskarrieren. Schorndorf: Hofmann. | Braun, S. (2013). Freiwilliges Engagement von Jugendlichen im Sport. Eine empirische Untersuchung auf Basis der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009. Köln: Sportverlag Strauß. | Brettschneider, W.-D. (2003). Sportliche Aktivität und jugendliche Selbstkonzeptentwicklung. In W. Schmidt, I. Hartmann-Tews & W.-D. Brettschneider (Hrsg.). Erster Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. S. 211–233. Schorndorf: Hofmann. | Brettschneider, W.-D. & Kleine, T. (2002). Jugendarbeit in Sportvereinen. Anspruch und Wirklichkeit. Schorndorf: Hofmann. | Bünemann, A. (2008). Energiebilanzrelevante Lebensstile von Heranwachsenden. Ein multivariater Erklärungsansatz für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. München: Grin. | Burrmann, U. (2004). Effekte des Sporttreibens auf die Entwicklung des Selbstkonzepts Jugendlicher. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11, S. 71–82. | Burrmann, U. (2008). Sozialisationsforschung in der Sportwissenschaft – Bilanzierung und Perspektiven. In S. Nagel, T. Schlesinger, Y. Weigelt-Schlesinger & R. Roschmann (Hrsg.). Sozialisation und Sport im Lebensverlauf. S. 23–30. Hamburg: Czwalina. | Cohen, J. (1992). A power primer. Psychological Bulletin, 112, S. 155–159. | Gerlach, E. (2008). Sportengagement und Persönlichkeitsentwicklung. Aachen: Meyer & Meyer. | Gerlach, E. & Brettschneider, W.-D. (2013). Aufwachsen mit Sport. Aachen: Meyer & Meyer. | Hurrelmann, K. (1983). Das Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts in der Sozialisationsforschung. Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 3, S. 91–103. | Hurrelmann, K. & Quenzel, G. (2012). Lebensphase Jugend: Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 11., vollst. überarb. Aufl. Weinheim: Juventa. | Lüdtke, O. & Robitzsch, A. (2010). Umgang mit fehlenden Daten in der empirischen Bildungsforschung. In S. Maschke & L. Stecher (Hrsg.). Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Fachgebiet Methoden der empirischen erziehungswissenschaftlichen Forschung, Quantitative Forschungsmethoden. Weinheim: Juventa. | Mutz, M. (2012). Sport als Sprungbrett in die Gesellschaft? Sportengagements von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und ihre Wirkung. Weinheim: Juventa. | Schmidt, W., Hartmann-Tews, I. & Brettschneider, W.-D. (Hrsg., 2003). Erster Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Schorndorf: Hofmann. | Sygusch, R. (2005). Jugendsport – Jugendgesundheit. Ein Überblick über den Forschungsstand zum Zusammenhang von Sport und Gesundheit im Jugendalter. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 48, S. 863–872.