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Bildungschancen durch Sport

Der gemeinwohlorientierte Sport ist einer der größten Bildungsanbieter der Zivilgesellschaft. Seine großen Potenziale sind allerdings in den bildungspolitischen und gesellschaftlichen Diskussionen noch wenig bekannt. Das ist schade. Und es ist auch nicht vernünftig. Die deutsche Bundesregierung setzt auf die Vision einer Bildungsrepublik. Diese Vision kann nur durch ein Zusammenspiel vieler Akteure realisiert werden. Hier hat auch die Zivilgesellschaft eine bedeutende Zukunftsaufgabe.

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Gudrun Doll-Tepper

Gudrun Doll-Tepper (Jahrgang 1947) ist Professorin für Sportwissenschaft und Vizepräsidentin für Bildung und Olympische Erziehung im Deutschen Olympischen Sportbund.

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Gudrun Schwind-Gick

Gudrun Schwind-Gick (Jahrgang 1967) ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und Leiterin des Ressorts Bildung im Geschäftsbereich Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Bildungspolitische Debatte: Lebenslanges Lernen im Fokus

In der bildungspolitischen Debatte werden zunehmend die Potenziale des lebenslangen Lernens in den Fokus gerückt. In der Bereitschaft eines jeden Einzelnen zum lebenslangen Lernen wird eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung moderner Wissensgesellschaften gesehen.

Ein weiterer Schwerpunkt der bildungspolitischen Diskussion ist die Frage nach den Auswirkungen der Studien- und Schulreformen der letzten Jahre. Eine viel diskutierte Folge ist die Beschleunigung der Ausbildungsphasen und die Tatsache, dass junge Menschen immer weniger Zeit haben, ihre Neigungen zu entwickeln. Dies scheint nicht nur ein persönliches Problem des Einzelnen zu sein, auch die Auswirkungen auf die Berufstätigkeit sind negativ: „Personalchefs sagen heute, dass sie Bewerber bevorzugen, die über einen breiteren Horizont verfügen, die mal im Ausland waren und nicht nur mit Tunnelblick studiert haben.“ (Nida-Rümelin, 2013.)

Neu an der aktuellen bildungspolitischen Debatte ist, dass das formale Lernen nicht mehr allein im Blickpunkt der bildungspolitischen Diskussion steht. Auch in der Vorstellung eines jeden Einzelnen, was Lernen ist, waren bisher formale Bildungsinstitutionen prägend. Die Folge war, dass nonformales Lernen oft unterbewertet beziehungsweise als ein wichtiger Teil des lebenslangen Lernens ausgeblendet wurde (vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaften 2000, S. 10). Außerschulischen Lernorten und der Verknüpfung formaler und nonformaler Bildungsorte wird nun eine immer wichtigere Rolle zuerkannt. Auch eine größere Bedeutung informeller Lernprozesse steht im Blickpunkt der derzeitigen Bildungsdebatte.

Auf anderer Ebene, im Zusammenhang mit der Entwicklung einer Engagementpolitik in Deutschland, gerät das Thema Bildung ebenfalls in den Blickpunkt. So werden die Potenziale der Zivilgesellschaft im Bildungssystem reflektiert. Auch wird die Befähigung zu bürgerschaftlichem Engagement als Bildungsziel einer modernen Demokratie diskutiert und es werden Lernprozesse durch bürgerschaftliches Engagement beschrieben. Studien empfehlen, das Engagementfeld Bildung und die darin aktiven Organisationen künftig stärker in den Blick zu nehmen. Bildung wird seit einigen Jahren immer häufiger als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure in das Bildungsgeschehen als immer selbstverständlicher angesehen (vgl. Priemer, 2015, S. 46).

Die Weiterentwicklung des Bildungsbegriffs zugunsten informeller Lernprozesse und eine Öffnung der Qualifizierungsphasen für lebenslanges und -begleitendes Lernen über die formalen Qualifizierungsphasen in Schule, Hochschule und beruflicher Bildung hinaus sind hierfür eine notwendige Voraussetzung. Hier kommt der Zivilgesellschaft eine besondere Rolle zu, denn der Staat sucht Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, da er auf deren Kompetenz, Know-how und Ressourcen angewiesen ist. Dies gilt auch für das Bildungssystem (vgl. Braun, 2011, S. 110 f.).

Lebenslanges und vielfältiges Lernen für den Sport

Der gemeinwohlorientierte Sport stellt gezielt differenzierte Strukturen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung seiner freiwillig und ehrenamtlich, aber auch neben- und hauptberuflich Engagierten zur Verfügung. In vielfältigen Ausbildungsgängen können sich Engagierte sowohl sportpraktisch, also als Trainer/-in und Übungsleiter/-in, als auch in Managementfragen aus- und fortbilden lassen. Mit den „Rahmenrichtlinien für Qualifizierung“ (RRL), die seit fünfzig Jahren bestehen und seither kontinuierlich fortgeschrieben wurden, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gemeinsam mit den unter seinem Dach organisierten Spitzenverbänden, Landessportbünden und Sportverbänden mit besonderen Aufgaben einheitliche Qualitätskriterien für die verbandliche Aus- und Fortbildung festgelegt. Sie sind verbindlich für alle vom DOSB lizenzierten Aus- und Fortbildungen im organisierten Sport und gelten deutschlandweit, über alle Sportarten, Ländergrenzen und über alle ausbildenden Verbände hinweg. In den Rahmenrichtlinien unterstreichen die Sportverbände ihre Rolle in der Gesellschaft: „Der Sportverein als Ort bürgerschaftlichen Engagements knüpft in seinen gewachsenen demokratischen Strukturen ein Netzwerk zwischen Generationen und den unterschiedlichen sozialen Gruppen und Kulturen. Auf diese Weise leistet der organisierte Sport seinen Beitrag zum Zusammenhalt unserer modernen Zivilgesellschaft, deren unverkennbares Kennzeichen der kontinuierliche Wandel mit notwendigen Anpassungen an neue Voraussetzungen ist.“ (Vgl. Deutscher Sportbund, 2005, S. 8.) Die Sportvereine sind so in der Lage, sich mit vielfältigen und zielgruppenorientierten Angeboten an den unterschiedlichen Erwartungen und Ansprüchen der Sport treibenden Menschen zu orientieren, Veränderungen aufzunehmen und diese in konkrete Angebote umzusetzen.

Allein die Ausbildungen nach DOSB-Rahmenrichtlinien werden jedes Jahr von über 45.000 Personen abgeschlossen. Es sind insgesamt über 580.000 gültige DOSB-Lizenzen im Umlauf. Über 700 unterschiedliche und beim DOSB akkreditierte Ausbildungskonzeptionen bieten den Inte­ressierten eine Vielzahl unterschiedlicher Lernmöglichkeiten. Zählt man die vielen Bildungsaktivitäten außerhalb der Lizenzausbildungen hinzu, kann man erkennen, welchen Stellenwert lebenslanges Lernen in den Sportorganisationen einnimmt.

Weiterführendes Material

Deutscher Olympischer Sportbund (Hrsg., 2011): DOSB I. Bildung und Qualifizierung – Das Qualifizierungssystem der Sportorganisationen. Frankfurt am Main: Deutscher Olympischer Sportbund.

(Bearbeitete Version: Schwind-Gick, G. (2014). Die Potenziale des Sports für lebenslanges Lernen. In Deutscher Olympischer Sportbund (Hrsg.), Sport gestaltet Gesellschaft. Band 2 der Schriftenreihe des DOSB (S. 43–54). Hamburg: Feldhaus Edition Czwalina).

Fazit

Die Leistungen und Potenziale des gemeinwohlorientierten Sports für lebenslanges Lernen sind vielfältig. In keinem anderen nonformalen Bildungssetting werden so viele Heranwachsende mit pädagogischen Potenzialen erreicht wie im Sport (vgl. Sygusch & Liebl, 2015). Ein bundesweites, systematisches nonformales Qualifikationssystem mit DOSB-Lizenzabschlüssen in über 700 verschiedenen Ausbildungsgängen, vielfältige nonformale Bildungsaktivitäten außerhalb der Lizenzausbildungen und weitreichender informeller Kompetenzerwerb durch das Sporttreiben selbst und das Engagement im Sportverein skizzieren den Beitrag des gemeinwohlorientierten Sports zum Konzept des lebenslangen Lernens. Trainer/-innen, Übungsleiter/-innen, Jugendleiter/-innen, Vereinsmanager/-innen und die anderweitig im Sport Engagierten verdienen, dass die hier erworbenen Kompetenzen anerkannt und für sie nutzbar werden. Für die Sportverbände und -vereine bedarf es dabei einer besonderen Anstrengung, das Lernfeld Sport weiterzuentwickeln und gegenüber Politik und Gesellschaft zu öffnen. Es besteht aber auch die Notwendigkeit, dass die Partner in Politik und Gesellschaft die spezifischen Leistungen des Sports und der Sportvereine für lebenslanges Lernen würdigen und anerkennen. Eine gelingende Partnerschaft setzt voraus, dass sich vor allem staatliche Bildungseinrichtungen öffnen und dass sie den notwendigen Perspektivwechsel hin zu einem ganzheitlichen Bildungsverständnis vollziehen.