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So gewinnen soziale Sportprojekte an Qualität

Nirgends engagieren sich so viele Menschen wie im Sport. Hier steckt enormes Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Aber Sport wirkt nicht per se sozial. Wie lassen sich durch Sport und Bewegung gesellschaftliche Ziele erreichen? Was zeichnet erfolgreiche soziale Sportprojekte aus? Wie wirkungsorientiert arbeiten Sportvereine? Eineinhalb Jahre lang haben die Mitarbeitenden des gemeinnützigen Analysehauses Phineo den Engagementbereich Sport und Bewegung untersucht und Qualitätskriterien für wirkungsvolle Angebote identifiziert.

Wirkungsorientierung Schritt für Schritt:

Pädagogische Angebote sollten die folgenden vier Grundbedürfnisse ansprechen. Paart man sie mit Sport und Bewegung, lässt sich die Wirkung der Angebote sogar noch versträken.

Zugehörigkeit: Die Teilnehmenden bauen Beziehungen zu anderen auf, fühlen sich als Teil der Gemeinschaft. Das Angebot ist damit auch identitätsstiftend.

Autonomie: Die Teilnehmenden lernen, selbstverantwortlich zu handeln, und erfahren dadurch Selbstwirksamkeit. Das wiederum steigert ihr Selbstvertrauen.

Empathie: Durch den Fair-Play-Gedanken lernen Teilnehmende, sich in andere hineinzuversetzen, und handeln in der Folge entsprechend.

Könnenserlebnisse: Durch das Angebot werden Erfolge ermöglicht, für das Team ebenso wie für die einzelnen Teilnehmenden. Wenn der Fokus auf den Stärken der Teilnehmenden liegt, können sich deren besondere Kompetenzen optimal entfalten.

Fast die Hälfte der Deutschen ist in einem Sportverein oder in einer Bewegungsgruppe aktiv. Ein Viertel der rund 600.000 gemeinnützigen Organisationen in Deutschland ist im Bereich Sport tätig. Damit ist Sport der größte Engagementbereich der Zivilgesellschaft. Er wird von gemeinnützigen Organisationen häufig als Medium oder Transportweg genutzt, um soziale Ziele zu verfolgen: Bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen, im Kampf gegen Übergewicht, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen Teilhabe zu ermöglichen oder bei der Integration von Migranten. Studien zeigen jedoch, dass die positiven Wirkungen nicht von selbst eintreten. Sport kann sogar negative Effekte haben: Geht es beispielsweise auf dem Spielfeld nicht mehr um Fair Play, sondern darum, mit allen Mitteln zu gewinnen, den Gegner zu beleidigen oder gar zu verletzen, oder wenn Menschen aus einer Gruppe ausgegrenzt werden, sofern sie keine ausreichende sportliche Leistung bringen – dann wirkt Sport weder gewaltpräventiv noch integrierend oder inkludierend. Daher ist es umso wichtiger, Sport so zu gestalten, dass er positiv wirken kann.

Das Geheimnis sozial wirksamer Sportprojekte

Vorweg: Es gibt keine Standardmodelle für gute Projekte. Aber es lassen sich durchaus Qualitätskriterien für gemeinnützige Sport- und Bewegungsangebote mit hohem Wirkungspotenzial ausmachen. Sie bauen aufeinander auf, bedingen einander und verstärken sich wechselseitig.

Die Wirksamkeit eines Projekts fängt schon auf dem Reißbrett an. Auf welchen Grundlagen beruht das Konzept? Welche Methoden werden angewendet und warum sind diese besonders gut geeignet, um die Ziele und Zielgruppen zu erreichen? Und welche Rolle spielen Sport und Bewegung dabei? Nicht jedes Konzept eignet sich für alle. Mädchen sollte man mit einem Fußballangebot anders ansprechen als Jungen; Jugendlichen muss Fair Play anders vermittelt werden als Kindern. Um ihr Angebot passgenau zu konzipieren, sollte eine Organisation so viel wie möglich über ihre Zielgruppen in Erfahrung bringen: Wo können wir sie wann erreichen? Welche Bedarfe und Wünsche haben sie? Worauf müssen wir besonders achten? Und: In welchen Sozialräumen und Strukturen bewegen sie sich? Wer das Umfeld seiner Zielgruppen kennt, kann es bei der Ansprache und der Umsetzung eines Projekts entsprechend einbeziehen – und damit die Basis dafür schaffen, dass das Angebot angenommen und nachhaltig verankert wird.

Nachhaltigkeit und Regelmäßigkeit

Ein besonders wichtiger Aspekt, damit ein Angebot Wirkung entfalten kann, ist seine Nachhaltigkeit. Gerade Bewegungsangebote entfalten ihre Wirkung erst nach und nach. Neue Gruppen müssen sich zusammenfinden, Beziehungen müssen wachsen. Und so wie die Teilnehmenden ihren Sport erst lernen müssen und sich durch Üben mit der Zeit verbessern, brauchen auch die daraus entstehenden sozialen Wirkungen Zeit, um sich zu festigen. Punktuelle Angebote können das in der Regel nicht leisten.

Qualifizierte Mitarbeiter

Unabhängig von Sportart und sozialem Ziel – die Qualität und Wirksamkeit des Angebots stehen und fallen mit den Projektmitarbeitenden, weil sie pädagogische Inhalte transportieren, Vertrauen bei Kindern und Jugendlichen aufbauen und flexibel auf Situationen und Entwicklungen reagieren müssen. Gerade in der Arbeit mit Kindern sind gute Bindungen und Beziehungen ein Schlüssel zum Erfolg der Maßnahme. Dazu braucht es neben persönlicher Eignung auch eine passende Qualifikation. Übungsleiterinnen und -leiter brauchen pädagogische Grundkenntnisse, um heterogene Gruppen und mitunter schwierige, unmotivierte oder auch aggressive Teilnehmende betreuen und begleiten zu können. Daneben ist auch ein ausreichender Wissensschatz über Sport und Bewegung und ihre konkrete Umsetzung wichtig: Wie kann zum Beispiel sichergestellt werden, dass sich niemand verletzt oder überlastet? Welcher Sport und welche Übungen passen zu Zielen und Zielgruppen?

Kooperationen

Nicht jede gemeinnützige Organisation hat die notwendigen Ressourcen, um bei Bedarf zum Beispiel einfach eine Sozialarbeiterin oder eine Sportpädagogin einzustellen. Die Alternative: Man sucht sich Kooperationspartner. Jede Partnerin und jeder Partner bringt spezifisches Know-how ebenso wie finanzielle Mittel, Mitarbeitende, Kontakte und eine gewisse Infrastruktur in das gemeinsame Projekt ein. Schulkooperationen bieten Sportvereinen eine gute Möglichkeit, Kinder dort anzusprechen, wo sie sich in der Regel aufhalten.

Zugang ohne Hürden

Die Zielgruppen sollen Lust auf das Projekt haben und mitmachen wollen. Damit sie offen für die Inhalte sind, muss auch das Projekt offen für die Zielgruppe sein. Dazu sollten eine Teilnahme so einfach wie möglich und Zugangshürden wie Vorwissen oder die Länge des Anreisewegs niedrig sein. Idealerweise kommt das Angebot zur Zielgruppe – und nicht umgekehrt. Möchte das Projekt Jugendliche aus sozial schwachen Familien erreichen, so sollte es direkt im Brennpunktviertel stattfinden und so offen gestaltet sein, dass jeder mitmachen kann.

Phineo 1 Web

​Der Phineo-Themenreport „Mit Sport mehr bewegen!“ Phineo untersuchte anhand von rund hundert gemeinnützigen Sport- und Bewegungsangeboten, unter welchen Bedingungen sich positive soziale Effekte des Sports zeigen und was erfolgreiche soziale Sportprojekte auszeichnet. Die Analyse wurde unterstützt vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der ING-DiBa AG. Die Ergebnisse sind im Themenreport „Mit Sport mehr bewegen!“ zusammengefasst. Darin werden 22 Projekte vorgestellt, die sich in der Phineo-Analyse durchgesetzt haben und beispielhaft für Sportangebote mit sozialer Wirkung stehen. Download unter www.phineo.org/publikationen.

Tausende Projekte in ganz Deutschland nutzen Sport und Bewegung auf beeindruckende Weise, um soziale Ziele für ganz unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen.

Stärkenorientierung

Stärken stärken – unter diesem Motto sollten alle Projekte stehen, die positive Veränderungen für ihre Zielgruppen bewirken möchten. Um individuelle Schwächen und Defizite zu überwinden, sollte man sich nicht auf diese fokussieren, sondern stattdessen die persönlichen Fähigkeiten, Talente und Ressourcen der Teilnehmenden finden und nutzbar machen. Eine positive Herangehensweise ist nämlich der Schlüssel zum Erfolg. Wenn jemand an die Teilnehmenden glaubt, sie anfeuert und ihnen Könnenserlebnisse ermöglicht, gehen sie gestärkt aus dem Projekt hervor. Sie lernen so, an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben – und übertragen dieses Gefühl auf andere Lebenssituationen. So fällt etwa Kindern, die auf dem Spielfeld erleben, was sie alles können, später mitunter auch das Lernen im Unterricht leichter.

Partizipation

Die Projektverantwortlichen sollten ihre Zielgruppen nicht als reine Empfänger betrachten. Stattdessen wäre es besser, wenn die Teilnehmenden die Angebote auch mitgestalten dürfen. Ein gewisses Maß an Partizipation ist sehr wertvoll, denn die Zielgruppen bringen oft selbst viel dafür mit, Probleme zu lösen und ihre Ziele zu erreichen. So merken die Teilnehmenden, dass sie einen wichtigen Beitrag leisten, etwas bewegen und verändern können. Partizipationselemente geben ihnen außerdem Gelegenheit, Verantwortungsübernahme zu trainieren. Und: Ihre persönliche Bindung an das Projekt und dessen Ziele wächst. Aus einem Projekt, an dem sie einfach teilnehmen, wird „unser“ Projekt. Wichtig ist, dass die Projektmitarbeitenden alle dazu motivieren, eine Aufgabe oder Verantwortung zu übernehmen.