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Sport und Bewegung als Mittel 2.0

Innovative Entwicklungen und Potenziale im Sektor sportbezogener sozialer Initiativen früh erkennen und fördern.

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Olaf Zajonc

Olaf Zajonc ist sowohl als Wissenschaftler als auch in zahlreichen Praxisprojekten im Bereich Sport und Soziale Arbeit bundes­weit aktiv. Er ist staatlich anerkannter Diplom-Sozialarbeiter/-Pädagoge und promoviert am Soziologischen Institut der Leibniz Universität Hannover zum Thema Gewaltprävention durch Sport.

Herr Zajonc ist Begründer und Leiter des IcanDo-Instituts für Sport und Soziale Arbeit, Mitbegründer und Geschäftsführer der freien Forschungsgruppe KoFaS („Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“) und langjährig tätig als Berater und Gutachter für Stiftungen und Sportverbände.

Seine Arbeits- und Forschungsschwer­punkte sind

  • körper-, sport- und bewegungsbezogene Soziale Arbeit in Schule und Jugendarbeit,
  • Gewalt im Amateurfußball,
  • Sport und Integration,
  • Kampfsport/-kunst in der Gewaltprävention.
  • Seit 2014 ist er Mitglied im Forum „Sport & Bewegung“ des Bundsverbands Deutscher Stiftungen.

Kontakt: zajonc@icando-institut.de 

www.icando-institut.de

Vor dem Hintergrund vielfältiger gesellschaftlicher Herausforderungen und der Tatsache, dass dem Sport zu Recht ein ganzes Bündel (selbst)erzieherischer, kompetenzfördernder, integrativer und präventiver Potenziale zugerechnet wird, hat sich in den letzten Jahren in Deutschland ein spezieller Typus sozialer Hilfe eta­bliert, die sich auf seine potenzielle Wirkungskraft bezieht. Dabei sind es längst nicht mehr nur die Sportvereine und -verbände, die ihr sportives Know-how einsetzen, wenn es darum geht, zur Entschärfung oder Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Es bemühen sich ebenso die Institutionen kommunaler Kinder- und Jugendsozialarbeit darum, Sport und Bewegung als Mittel und zur Bekämpfung besonderer sozialer Problemlagen von Kindern und Jugendlichen in der komplexen Gegenwartsgesellschaft mit ihren veränderten Sozialisationsformen einzusetzen. Zusätzlich zeigen sich in den letzten Jahren vermehrt neue Modelle sportbezogener Ansätze, die sich im Zwischenraum der beiden Systeme des organisierten Sports und der professionellen Jugendsozialarbeit etabliert haben. Selbst gewähltes und ausdrücklich als Satzungszweck formuliertes „Kerngeschäft“ dieses nicht kommerziellen und auf die Förderung des Gemeinwohls hin orientierten Segments einer sportbezogenen Sozialen Arbeit ist der gezielte Einsatz von Sport und Bewegung als Mittel sozialarbeiterischer Hilfen. Zeitgleich zu dieser Entwicklung kann beobachtet werden, dass sich immer mehr Stiftungen die Attraktivität des Sports zunutze machen. So erklärt 2015 der Bundsverband Deutscher Stiftungen in seinem Stiftungsreport „Stark im Geben: Stiftungen im Sport“, dass Stiftungen zunehmend Sport nutzen, „um ihre Fächerziele in Bereichen wie der Jugendsozialarbeit, der Sucht- und Gewaltprävention oder bei Bildungsangeboten mit sportlichen Aktivitäten zu erreichen“ (Bundsverband Deutscher Stiftungen, 2015, S. 54). Diese erhöhte Aufmerksamkeit des Stiftungssektors zielt direkt in Richtung eines sich immer stärker profilierenden und als entwicklungsfähig darstellenden neuen Segments: Der sportbezogenen Sozialen Arbeit1.

Dieser Beitrag wirft Schlaglichter auf den Sektor sportbezogener sozialer Initiativen, der von Stiftungen in Deutschland zunehmend als vielversprechendes Feld erkannt wird. Beleuchtet werden die Strukturen und Wirkungsbereiche etablierter und neuerer Ansätze in der sich entwickelnden Landschaft in Richtung der drei angedeuteten Teilbereiche2. Die Erkenntnisse werden insbesondere auf den Stiftungssektor bezogen, um die in diesem Feld vorhandenen Potenziale für gesellschaftliches Engagement im Allgemeinen und vielversprechende Perspektiven beziehungsweise mögliche Förderschwerpunkte der Zukunft für die Stiftungslandschaft im Besonderen sichtbar zu machen.

1. Soziale Initiativen durch Sport: Eine Projektlandschaft im Wandel

Sportvereine beziehungsweise -verbände leisten seit Jahrzehnten neben ihrem Kerngeschäft, nämlich den Sportangeboten für ihre Mitglieder, einen wertvollen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Sie schöpfen bei der Realisierung ihrer sozialen Initiativen in der Regel aus dem mit ihrem Sportangebot in Verbindung stehenden spezifischem Know-how. Im Laufe der Zeit hat sich so eine spezielle Form der Aufgabenwahrnehmung innerhalb der ehrenamtlich gestützten Vereins- und Verbandsstruktur des organisierten Sports in Deutschland fest etabliert.

Die „Sportkultur“ beziehungsweise die „Kultur des Sports“ in unserer Gesellschaft sowie die Institutionen des organisierten Sports befinden sich jedoch im Wandel. Synchron hierzu entwickelt sich seit geraumer Zeit ebenfalls die Landschaft kreativer und innovativer Ansätze sportbezogener Sozialer Arbeit, die Sport und Bewegung zentral als Medium einsetzen, hin zu einer wirksamen und zugleich weitreichend impulsgebenden Instanz. Stiftungen verstärken hier ihr Förderengagement in dem Bewusstsein, dass die dort erbrachten Leistungen und zu erwartenden Wirkungen weit über diejenigen der sozialen Initiativen der Sportvereine und -verbände hinausreichen, da hier ein höherer Professionalitätsgrad erreicht wird und die hier Tätigen für die zu erfüllenden Anforderungen mit erforderlichen personalen Ressourcen und Know-how ausgestattet sind. Tatsächlich erscheint die Zunahme an Förderung vor dem Hintergrund dieser Annahme logisch zu sein.

Das sich die Landschaft sozialer Initiativen durch Sport in Bewegung befindet und sich nicht nur auf die Sportvereine beschränkt, zeigen auch die Ergebnisse des Themenreports „Mit Sport mehr bewegen!“ des Analyse- und Beratungshauses Phineo (siehe Beitrag in diesem Band) aus dem Jahr 2015. Dessen Ziel war eine Wirkungsanalyse der Angebote und Leistungen gemeinnütziger Organisationen im Themenfeld „Sport und Soziales“. Der Report liefert Hinweise, wie sich die aktuelle Landschaft sportbezogener sozialer Projekte in Deutschland derzeit darstellt und wer hier wirksame Arbeit leistet. Im Anschluss einer offenen Ausschreibung zur Teilnahme in Richtung aller Sportvereine und -verbände sowie Träger der freien Wohlfahrtspflege und sonstiger sozialer Einrichtungen wurde die Wirkung der Aktivitäten der Projektanbieter durch ein Analyseverfahren auf Basis transparenter Kriterien3 analysiert und bewertet. Von den insgesamt 104 Organisationen, die an der eineinhalb Jahre dauernden Analyse teilgenommen haben und deren Projekte Sport und Bewegung als wesentliche Bestandteile ihrer Angebote darstellen, wurden 22 mit einem „Wirkt-Siegel“ ausgezeichnet.

Die Aussage des Reports lautet: Die Vorstellung, dass Sport nur in Vereinen und in organisierter Form stattfindet, ist nicht mehr zeitgemäß. Stifter und Stiftungen sollten deshalb zukünftig die vereinsunabhängigen Bewegungsangebote und Formen des Spielsports außerhalb von Vereins- oder Verbandsstrukturen stärker berücksichtigen und sich offen gegenüber der Fülle der gegenwärtig zu beobachtenden Neuentwicklung von Bewegungs-, Spiel- und Sportkulturen zeigen (vgl. ebd.). Die Autoren/Autorinnen stellen darüber hinaus fest, dass sich die Landschaft sozialer Initiativen durch Sport und Bewegung und die dortigen unterschiedlichen (Projekt-)Ansätze in einem stetigen Prozess der Ausdifferenzierung und Fortentwicklung befinden. Diese Einschätzung, die aus einer praxisbezogenen wissenschaftlichen Perspektive unterstützt wird, kann auf die knapp formulierte Botschaft reduziert werden: „Es ist nicht alles das Gleiche!“

Dies führt zu Empfehlungen für Stiftungen, dass sie die innovativen Entwicklungsfelder und die in Nischen erprobten Lösungsansätze der Praxis in ihre Förderstrategien einbeziehen müssen, wenn ihr Förderengagement deckungsgleich zu aktuellen Entwicklungen in der Praxis und zu diesbezüglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen sein soll. Unter Berücksichtigung jeweiliger inhaltlicher Ausrichtungen, Organisationsformen und -strukturen können Stiftungen bei der Ausdifferenzierung der Projektlandschaft sozialer Initiativen durch Sport und Bewegung grob4 unterscheiden zwischen 

Sportvereinen und -verbänden, die zusätzlich zu ihren Kernangeboten für ihre Mitglieder Sport auch im Rahmen sozialer Initiativen einsetzen,

(Jugend-)Sozialarbeit, die Sport und Bewegung ergänzend zu ihren spezifischen Hilfsangeboten einsetzt,

Ansätzen sportbezogener Sozialer Arbeit, die sozialpädagogisches und sportives Know-how gezielt kombinieren und zentral als Mittel einsetzen.

Diese profilbetonende Dreiteilung kann Stiftungen als Übersicht dienen und hilfreich bei strategischen Überlegungen in Hinsicht der thematischen Schwerpunktlegung ihres Förderengagements oder der Entwicklung spezieller Förderprogramme sein. Zugleich erfolgt damit eine begriffliche Zuordnung gegenüber den unterschiedlichen Teilsegmenten, über die vorhandene feine Unterschiede kommuniziert werden, die von außen stehenden Betrachtern und Betrachterinnen nicht immer sofort erkannt werden.

Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit.

Zajonc Sport Bewegung 1 Web

2. Wirkungsbereiche und Leistungsfähigkeit einschätzen

Für Stiftungen ist es wichtig, sich den Überblick über die Projektlandschaft sozialer Initiativen durch Sport und Bewegung und ihrer Wirkungsbereiche und Leistungsfähigkeit zu verschaffen. Vor allem dann, wenn es um die Entwicklung eigener Praxiskonzepte oder die sinnvolle Zuteilung von Mitteln zur Projektförderung geht. Für sie ist es schwer einschätzbar, wer mit Sport eigentlich wo, für wen und was zu leisten imstande ist. Die nachfolgende stark fokussierende Zuordnung jeweiliger Wirkungsbereiche der drei identifizierten Teilsegmente sportbezogener sozialer Initiativen liefert diesbezüglich Orientierung.

Die Vertreter/-innen der Sportvereine und -verbände räumen selbstkritisch ein, dass die sportpraktische Qualifikation aus Übungsleitern und Übungsleiterinnen sowie Trainern und Trainerinnen noch keine Sozialarbeiter/-innen macht. Dagegen sei die Kernaufgabe der Sportvereine, im Zuge der Angebote für ihre Mitglieder eine verantwortungsbewusste und werteorientierte Jugendarbeit sicherzustellen, durch die positive Beiträge zur Erziehung und primärpräventive Leistungen zu erbringen und Heranwachsende bei der Bewältigung sozialer Probleme zu unterstützen sind (vgl. Zajonc & Pilz, 2014). Diese Einschätzung wird durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (§§ 11 und 13 KJHG) gestützt, in dem deutlich zwischen der Jugendarbeit der Vereine und professioneller Jugendsozialarbeit unterschieden wird. Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit wird unter anderem ausdrücklich die „Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit“ gezählt, während Jugendsozialarbeit sich speziell um junge Menschen kümmert, die „zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen“ oder „zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen“ in erhöhtem Maße auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Soziale Initiativen der Sportvereine haben danach sehr viel mit Jugendarbeit und Primärprävention innerhalb der eigenen Institution und wenig mit gezielter Sozialarbeit zu tun.

Jugendsozialarbeit durch Sport und Bewegung setzt dagegen schwerpunktmäßig an denjenigen Stellen an, wo soziale Problemlagen und die Teilhabe der Menschen an gesellschaftlichen Verteilungsprozessen (auch in Form des Sporttreibens im Verein) aufgrund milieubedingter Belastungen, mangelnder Bildung und hochschwelliger Zugänge gefährdet sind. Die in den informellen jugendkulturellen Bewegungs- und Sportengagements vorhandenen selbsterzieherischen Potenziale deuten auf den zentralen Aktionsraum und die Aufgaben einer sozialarbeiterischen Praxis mit Sport hin. In ihrem Fokus sollten demnach sport-, bewegungs- und körperbasierte Äußerungsformen stehen, die sich jenseits der Sportvereine zum Beispiel in den Jugendcliquen entwickeln und etablieren. Sportbezogene Jugendsozialarbeit sollte sich diesen Jugendkulturen zuwenden, sie unterstützen und damit die in ihnen angelegten identitätsstiftenden und stabilisierenden Funktionen bewahren (vgl. Zajonc & Pilz, 2014). Diese wichtige Arbeit kann oder, besser gesagt, sollte im Verbund mit Sportvereinen erfolgen.

Damit zeichnet sich eine grundlegende Unterscheidung zentraler Wirkungsbereiche der Sportvereine gegenüber der sportbezogenen (Jugend-)Sozialarbeit ab. Für Sportvereine steht die eigene Jugendarbeit im Zentrum, deren Bemühungen nicht allein dem Interesse an steigenden Mitgliederzahlen, sondern vor allem der Übernahme sozialer Verantwortung für alle Geschlechts- und Sozialgruppen gelten müssen. Ein Kernziel ist der Abbau des sozialen Gefälles in der Mitgliederstruktur der Vereine, indem Zugänge in den Vereinen geöffnet, soziale Schranken für bestimmte Bevölkerungsgruppen abgebaut und so der Verfestigung einer Zweidrittelgesellschaft entgegengewirkt werden kann (vgl. Seibel, 1999, S. 151). Die Zuordnung des zentralen Wirkungsbereiches in Richtung der kommunalen (Jugend-)Sozialarbeit knüpft an der Feststellung an, dass eine im Sportverein geleistete gute und erfolgreiche präventive Jugendarbeit nicht ausreicht, um angemessene Hilfen in Richtung spezifischer Zielgruppen zu unterbreiten. Soziale Problemlagen wie zum Beispiel Sucht, Kriminalität, teilweise auch Behinderung bewirken für die betroffenen Personen soziale Ausgrenzung in einem Maße, dass an diesen Stellen Programme der professionellen Träger von Sozialarbeit und/oder zur Förderung von Heilungsprozessen bei körperlichen und seelischen Störungen (Therapie) ansetzen müssen, die hierfür – im Gegensatz zu den Sportvereinen – entsprechend ausgestattet sind. Ergänzend zu dieser bereits als klassisch zu bezeichnende Zuordnung kann der Wirkungsbereich neuer Modelle einer sportbezogenen Sozialen Arbeit wie folgt umrissen werden. Ebenso wie die zumeist kommunal getragene Jugendsozialarbeit beziehungsweise Jugendhilfe erbringen die hier aktiven Organisationen Leistungen auf allen drei Ebenen (primär, sekundär, tertiär) der Prävention bis hin zu – je nach Qualifizierung des Personals – therapeutischen Maßnahmen. Auch hier ist ein zentraler Wirkungsbereich das informelle Sportengagement außerhalb von Sportvereinen. Die Kombination von professionellem erzieherischem beziehungsweise (sozial-/sport)pädagogischem mit sportivem Know-how der hier tätigen Mitarbeiter/-innen mit ihrer Nähe zum Sport und die auf Mobilität und Flexibilität ausgerichteten Organisationsformen machen sie besonders stark für sozial­raum­orientierte integrative Arbeit mit benachteiligten, sozial randständigen, schwer erreichbaren Gruppen, zum Beispiel in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Möglichkeiten liegen in den Bereichen Rehabilitation, Arbeit mit Menschen mit Behinderung, Resozialisierung straffällig gewordener Menschen und spezifischen Therapieformen.

  • Sowohl bei der Entwicklung eigener Praxiskonzepte als auch bei der Entscheidung für Projektförderungen sollten Stiftungen Konzepte entwickeln, die die unterschiedlichen Wirkungsfelder und Leistungsfähigkeiten der Sportvereine und sozialen Dienstleister innerhalb der Projektlandschaft berücksichtigen. Stiftungen sollten diesbezüglich
  • die spezifische Leistungsfähigkeit der verschiedenen Organisationen und die jeweilige Kompetenz der mitarbeitenden Personen in den Projekten berücksichtigen und im Blick behalten, welche Zielgruppe mit welcher Zielsetzung über welche Maßnahmen in einem zu fördernden Projekt erreicht werden soll. Hiernach erst sollten sie entscheiden, wer für Vorhaben die erforderlichen institutionellen, konzeptionellen und personalen Voraussetzungen erfüllt. 
  • die klare Grenzziehung zwischen den Aufgaben und Kompetenzen der Jugend- und Übungsleiter/-innen sowie der Betreuer/-innen und Trainer/-innen der Sportvereine einerseits und denen der Erzieher/-innen, Sozialarbeiter/-innen, Sozial­pädagogen/-pädagoginnen freier und kommunaler Träger der (Jugend-)Sozialarbeit andererseits fest im Blick behalten.
  • Sportvereine- und Verbände vorrangig bei der Umsetzung sozialer Initiativen zur Stärkung ihres eigenen Systems unterstützen, zum Beispiel durch Projekte zur intern ausgerichteten primären Sucht- und Gewaltprävention, zur Förderung der eigenen Jugendarbeit oder zum Abbau sozialer Schranken.

Sportvereine nicht zum Beispiel durch in Aussicht gestellte Fördermittel zusätzlich dazu anreizen, soziale Initiativen jenseits ihres eigentlichen Kerngeschäfts in Richtung externer Zielgruppen zu realisieren. Dies zumindest nicht, solange den Sportvereinen keine außerordentlichen Ressourcen zur Verfügung stehen, durch die ihre Leistungsfähigkeit erhöht und eine potenzielle (Selbst-)Überforderung vermieden werden kann.

die (Jugend-)Sozialarbeit (im Verbundsystem mit Sportvereinen) und/oder soziale Dienstleistungsorganisationen Sport bezogener Sozialer Arbeit unterstützen, wenn erhöhte strukturelle und personelle Anforderungen an Projekte gestellt werden.

Zajonc Sport Bewegung 2 Web

3. Sportbezogene Soziale Arbeit: Ein innovatives Förderthema für Stiftungen in der Zukunft

Für Stiftungen ist es lohnend zu beobachten, wo in der Praxis neue Wege zur Lösung gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen beschritten werden, um zum einen herauszufinden, wo neue Schwerpunkte innerhalb der eigenen Stiftungsarbeit gesetzt werden können, und zum anderen, wie durch das eigene Stiftungsengagement die Platzierung von Themen mit gesellschaftlicher Relevanz zu unterstützen ist. Letztendlich ergibt sich aus den beschriebenen Entwicklungen in der Landschaft sozialer Initiativen durch Sport gegebenenfalls die Notwendigkeiten für anpassende Änderungen oder die Möglichkeit zur Neuausrichtung des Stiftungsengagements. Moderne Entwicklungen und innovative Ansätze sollten vom Stiftungssektor nicht verpasst werden.

Dies haben auch die Verfasser des Stiftungsreports des Bundesverbands Deutscher Stiftungen erkannt. Sie empfehlen, dass bei der Suche nach innovativen Ansätzen zur Bearbeitung oder Lösung gesellschaftlicher Probleme Stiftungen diejenigen Organisationen unterstützen sollen, die Sport indirekt fördern und den Sport als Mittel zur Erfüllung anderer Satzungszwecke gezielt einsetzen, zum Beispiel für Integration, Bildung, Jugend- oder auch Entwicklungshilfe (vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2015, S. 10). 

Diesbezüglich lohnt sich der Blick auf das vorhandene Potenzial innovativer Ansätze der sich neu formierenden sportbezogenen Sozialen Arbeit, die Sport und Bewegung gezielt zu sozialarbeiterischen Zwecken als Mittel einsetzen. Wie weitreichend, effektiv und qualitativ dieses Segment ist, zeigen die Ergebnisse des Phineo-­Themen­reports. Wie bereits angesprochen, beschreibt die Analyse das vorhandene Wirkungspotenzial der hier geleisteten Projektarbeit, die weit über die Vermittlung von Sport in Richtung gesellschaftspolitischer Ziele hinausreicht. Das aus fachlicher Perspektive identifizierte spezifische Wirkungspotenzial entfaltet sich insbesondere durch die Kombination spezifisch gestalteter Sport- und Bewegungsarrangements mit sozialarbeiterischen Methoden.

Der Phineo-Report macht sichtbar, dass sich in den letzten Jahren unter dem Eindruck des hohen Bedarfs an Praxismaßnahmen ein neues Angebotssegment spezialisierter Sportvereine, gGmbHs oder Stiftungen gebildet hat, das zu sozialen Zwecken gezielt sozialarbeiterische Grundlagen und Methoden mit sportiven Angeboten kombiniert. Diese Initiativen, zusammengefasst unter dem programmatischen Sammelbegriff sportbezogene Soziale Arbeit, agieren satzungsgemäß mit Schwerpunktlegung an der Schnittstelle von Sport und Sozial­arbeit und bündeln sowohl sportives als auch erzieherisches und/oder sozialpädagogisches Know-how. Sie stellen sich damit als spezialisierte (Sport-)Vereine neuer Prägung mit schwerpunktmäßiger Ausrichtung ihrer sportiven Angebote dar, die unter dem Eindruck sich ändernder gesellschaftlicher Herausforderungen, sozialer Zusammenhänge und Lebensbedingungen sowie freizeitlicher Verhaltensmuster von Kindern und Jugendlichen neue kreative Lösungsansätze und Angebotsformate entwickeln.

Weitere Vorteile neuer Ansätze sportbezogener Sozialer Arbeit bestehen gerade in der gezielten Schwerpunktlegung und Spezialisierung. Denn während Sportvereine ihre sozialen Initiativen in der Regel zusätzlich zu den Angeboten an ihre Mitglieder realisieren und Sport nur eines von mehreren Angeboten der Institutionen der Jugendsozialarbeit darstellt, legen die Träger der Ansätze einer sportbezogenen Sozialen Arbeit ihren Schwerpunkt gezielt und a priori auf den Sport als Mittel. Gegenüber der durch zentrale Steuerungsprozesse häufig (eng) geführten kommunal getragenen Jugendsozialarbeit sind sie zudem aufgrund ihrer schlanken Organisationsstruktur und höheren Flexibilität zusätzlich im Vorteil. Dies wirkt sich bei der Schaffung von Zugängen zur Zielgruppe und der Bildung neuer attraktiver und mobiler Angebotsstrukturen positiv aus. Gegenüber dem Sportverein verfügen sie über mehr Freiheit bei der spezifischen Gestaltung der Formen und Settings von Sport- und Bewegungsangeboten, die sich nicht zwingend an die Kodizes des Wettkampfsports und die festen Regeln etablierter Sportarten anpassen müssen.

Bezüglich der geforderten engen Zusammenarbeit mit Sportvereinen bestehen gute Grundvoraussetzungen, da die meisten Institutionen dieses neuen Segments historisch aus dem System des organisierten Sports erwachsen und/oder ihm noch immer zugehörig sind oder sie ihm gegenüber zumindest eine große Nähe signalisieren. Aufgrund der geringeren Distanz zum Sportsystem liegen im Vergleich zu öffentlichen und freien Trägern der Jugendarbeit und Jugendhilfe weitaus weniger Vorbehalte gegenüber der Zusammenarbeit vor. In der Praxis kann unter anderem deshalb eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Zusammenarbeit in Netzwerken beobachtet werden. Die hier tätigen Akteure wissen anscheinend aus ihren beruflichen Erfahrungen, dass ohne die Vernetzung mit anderen Initiativen und Trägern, zum Beispiel in der sozialraumorientierten mobilen Arbeit in den Stadteilen, kaum sinnvoll und ressourcensparend mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet werden kann, die ja nicht selten ebenfalls die Klienten/Klientinnen sozialarbeiterischer Kollegen/Kolleginnen anderer sozialarbeiterischer Institutionen sind. Unnötig beschwerender emotionaler Ballast eines falschen Konkurrenzdenkens wird hier anscheinend selbstbewusst abgelegt. Aufgrund ihrer beidseitigen Ausrichtung und Offenheit agieren sie als kompetente Netzwerker/-innen und sind unter Umständen dafür prädestiniert, in der Zukunft zu einem bislang noch fehlenden systemischen Verbindungsglied zu werden, damit das lange geforderte Verbundsystem mit Sportvereinen, kirchlichen, kommunalen und freien Trägern der Jugendarbeit und Jugendhilfe sowie Schule (vgl. Pilz, 2002) entstehen kann. Für die Stärkung des systemischen Zusammenhalts stellen die im Feld der sportbezogenen Sozialen Arbeit gesammelten Erfahrungen Ressourcen dar, die die Zusammenarbeit zwischen dem organisierten Sport und der beruflichen Sozialarbeit verbessern können.

Für Stiftungen ist es lohnend zu beobachten, wo in der Praxis neue Wege zur Lösung gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen beschritten werden.

4 Stellschrauben und Hebelwirkung: Wie sich Stiftungen wirkungsvoll engagieren können

Es scheint nur allzu verständlich, dass soziale Initiativen, die Sport zweckbestimmt und konzeptbasiert im Rahmen spezifischer Formate zu sozialarbeiterischen Zwecken einsetzen, so wie im Report des Bundesverbands Deutscher Stiftungen gefordert, zukünftig häufiger Bestandteil von Stiftungsprojekten im und durch Sport werden sollten. Bei der Förderung zum Aufbau des Segments spezialisierter sportbezogener sozialer Initiativen können Stiftungen unterschiedliche Rollen und Funktionen übernehmen. Zum Abschluss dieses Beitrags wird erläutert, was mögliche Stellschrauben sind, wie Hebelwirkung erzielt werden kann und wie sich Stiftungen wirkungsvoll engagieren können.

Finanzielle Förderung

Eine dauerhafte Förderung sowohl der Projektarbeit als auch der Institutionen zum Aufbau nachhaltiger und tragfähiger Organisationsstrukturen ist besonders hilfreich, da es nach wie vor gerade schwierig ist, erfolgreiche Projekte in die Regelförderung zu überführen. Dies gilt selbstverständlich für alle möglichen Projekte. Ein Beitrag des dritten Sektors zur Finanzierung guter bestehender, jedoch unterfinanzierter Projekte im neuen Segment sportbezogener Sozialer Arbeit ist allerdings aus einem besonderen Zusammenhang heraus besonders wichtig. Trotz der ihnen in hohem Maße in Aussicht gestellten Wirksamkeit und großer Potenziale, droht der Weiterentwicklung der Angebote des neuen Segments sportbezogener Sozialer Arbeit ein Risiko struktureller Natur. Hier besteht deshalb ein großer zusätzlicher finanzieller Unterstützungsbedarf, weil diese sich im Zwischenbereich der jeweiligen Arbeits- und Wirkungsfelder von Sportvereinen auf der einen und den sozialarbeiterischen Dienstleistungsorganisationen auf der anderen Seite entwickelt und platziert haben. Strukturell betrachtet, führen sie damit sozusagen (noch) ein Nischendasein zwischen den beiden etablierten Systemen des organisierten Sports und der professionellen Sozialarbeit. Der Aufenthalt in diesem Dazwischen, in dem häufig weder die staatliche Regelförderung für Jugendhilfe und Soziale Arbeit noch die Sportförderung greift, stellt somit ein Dilemma dar. Während sportbezogene Ansätze sozialer Initiativen Arbeit vonseiten des organisierten Sports gern dem Bereich der professionellen Sozialen Arbeit zugeordnet werden, ordnet die öffentliche Hand sie wiederum dem organisierten Sport zu, der hierfür seine Fördertopfmittel verwenden soll, die ihm vom Staat für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Stiftungen können hier, anders als der Staat, flexibel auf die Situation und den Bedarf reagieren und in vernachlässigten Nischen aktiv werden (vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2015, S. 93).

Förderschwerpunkt legen, um das Thema zu setzen und Strukturen aufzubauen

Um Entwicklungshilfe zum Aufbau eines zeitgemäßen Segments praxisnaher und wirksamer gesellschaftsbezogener Hilfen zu leisten, können Stiftungen einen Schwerpunkt auf die Unterstützung spezifischer Initiativen sportbezogener Sozialer Arbeit setzen. Adressaten spezieller Förderprogramme sollten insbesondere diejenigen explizit gegründeten innovativen Projektansätze und leistungsfähigen Partnerorganisationen sein, die ihre Erfolge belegen und ihre Netzwerkfähigkeit beweisen können. Die Einrichtung eines solchen Förderschwerpunkts sportbezogene Soziale Arbeit und/oder spezieller Förderprogramme hilft dabei, ein starkes kompetenzreiches und handlungsfähiges Feld aufzubauen und die hier vorhandene Innovationskraft stärker sichtbar zu machen. Impulskräfte werden hiermit entfaltet, sodass auch ein deutliches Signal zum Aufbau eines größeren Feldes gesetzt wird. Das Profil dieser Erfolg versprechenden Ansätze wird damit gestärkt und die Grundlagen dafür gelegt, dass die ersten gewachsenen Organisationsstrukturen in diesem Bereich weiterentwickelt und gefestigt werden können.

Akteure zu Impulsgebern aufbauen

Wenngleich derzeit noch in überschaubarem Umfang und meistens im Projektformat, deuten die attestierten Leistungen der bis dato existierenden Vereine und gGmbHs bereits unübersehbar auf das Potenzial dieses spezialisierten Segments von Hilfsangeboten hin. Stiftungen können durch dauerhafte Partnerschaft und Unterstützung diese Sozialunternehmen nicht nur in Hinsicht ihrer lokalen Engagementstrukturen stärken, sondern sie zu Impulsgebern für all diejenigen aufbauen, die sich auf einen ähnlichen Weg begeben möchten. Diesbezüglich können Stiftungen ihr Know-how zur Informationsaufbereitung und -weitergabe sowie der Öffentlichkeitsarbeit anbieten. Da es die Projekte häufig noch nicht schaffen, über ihre Arbeit angemessen zu berichten, können Stiftungen ihnen dabei helfen, eigene Erfolge und Wirkungen zu kommunizieren. Die bisher gesammelten Erkenntnisse und Praxiserfahrungen können nachfolgenden Akteuren in dieser Strömung sowie der sportbezogenen Jugendsozialarbeit und den Sportvereinen von großem Nutzen sein.


1 Soziale Arbeit (großes S) steht als Ober- und Sammelbegriff der beiden traditionellen Fachrichtungen Sozialpädagogik und Sozialarbeit und bezeichnet zugleich die entsprechenden Berufsgruppen wie auch die wissenschaftliche Disziplin.

2 Im Beitrag wird zwischen sportbezogenen sozialen Initiativen beziehungsweise Jugendarbeit der Sportvereine und -verbände gegenüber Jugendsozialarbeit durch Sport und Bewegung unterschieden, die durch die Kommunen oder Wohlfahrtsverbände getragen wird. Neue Ansätze und Modelle von (Sport-)Vereinen, die als ausdrücklichen Satzungszweck den Einsatz von Sport und Bewegung als Mittel sozialarbeiterischer Hilfen formulieren, werden unter dem Dachbegriff „Sport bezogene Soziale Arbeit“ zusammengefasst.

3 Die Bewertungskriterien beinhalteten (1) Ziele und Zielgruppen, (2) Ansatz und Konzept, (3) Qualitätsentwicklung, (4) Vision und Strategie, (5) Leitung und Personalmanagement, (6) Aufsicht, (7) Finanzen und Controlling und (8) Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit.

4 Vom Vorhandensein von Schnittmengen oder Überschneidungen zwischen den Bereichen in der Praxis wird hierbei ausgegangen.


Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hrsg., 2015). StiftungsReport 2015. Stark im Geben: Stiftungen im Sport. Berlin. | Phineo gAG (Hrsg., 2015). Themenreport. Mit Sport Mehr bewegen! Report über wirkungsvolles zivilgesellschaftliches Engagement. Download unter http://www.phineo.org­/downloa... | Pilz 2002 | Seibel, B. (1999). Zwischen Sport und Jugendhilfe – sportbezogene lebensweltorientierte soziale Arbeit mit sozial benachteiligten jungen Menschen. In V. Scheid & J. Simen (Hrsg.). Soziale Funktionen des Sports. S. 147–166. Schorndorf. | Zajonc & Pilz (2014). Wenn Sport als Mittel eingesetzt wird. Sport bezogene Soziale Arbeit zwischen Sportvereinen und kommunaler Kinder- und Jugendarbeit. In D. Kuhlmann (Hrsg.). Sport, Soziale Arbeit und Fankulturen – Positionen und Projekte. Band 2 der KoFaS-Reihe. S. 63–76. Hildesheim.